Im Winter auf die Lofoten – 2

Tag 5

Lofoten

Verschiedene Motorengeräusche wecken mich am Morgen. Zum einen fahren die ersten Fischerboote raus aufs Meer, zum anderen werden in Henningsvaer die Straßen vom Schnee befreit. Als ich den ersten Schritt nach draußen mache, versinkt mein Fuß tief im Schnee. Weil ich draußen schon den ersten Fotografen mit Stativ sehen, schnappe ich mir meines und stapfe durch den Schnee in Richtung Straße. Hier begegnet mir auch der zur Schneeräumung eingesetzte Radlader. Geschickt manövriert der Fahrer durch die teilweise engen Gassen und schiebt die Schneemassen zur Seite. Viel mehr ist am Samstagmorgen auf den Straßen nicht los, die Geschäfte öffnen auch erst zwischen 9 und 10 Uhr. Ich stapfe hoch motiviert durch den Ort und kann es nur schwer glauben, – ich bin tatsächlich im Winter auf den Lofoten. Meine Freude ist riesig. Auf schmerzhafte Weise erfahre ich, was sich unter der dicken Schneedecke versteckt: EIS ! Zweimal Rutsche ich samt Stativ und Kamera aus und falle lang in den Schnee. OK, die Eis-Bilder aus Bodø sind mir noch in Erinnerung, warum soll es auf den also Lofoten anders sein? Bei den weiteren Exkursionen ziehe ich die dickeren Winterstiefel an und schnalle bei Bedarf die Spikes drunter. So war es zwar weiterhin rutschig, aber Stürze blieben aus.
Direkt hinter der Fischfabrik warten bereits die Kühl-Lastzüge um den frisch gefangenen Fisch abzutransportieren. Vielleicht ist dies auch ein Grund dafür, warum die Trockengestelle noch ausnahmslos leer sind. Während ich ganz am Ende von Henningsvaer fotografiere, fängt es an zu schneien.


Als ich wieder am Auto bin, versperrt ein frischer Schneewall den Zugang zur Straße. Den hat der Schneeräumer dahin geschoben. Klar, hier rechnet niemand mit einem Touri, der sein Auto wild abstellt. Zum Glück ist der Schnee noch nicht festgefroren und ich kann den Bus auf den geräumten Teil des Platzes abstellen. Vormerken: Beim nächsten mal eine klappbare Schneeschaufel mitnehmen 🙂

Bei Tageslicht macht das fahren natürlich mehr Spaß als in der Nacht, allerdings kann ich wegen der Schneewälle links und rechts der Straße viele Punkte nicht anfahren. Das Wetter wechselt ständig und mit ihm die Lichtverhältnisse. Bei der Brücke über den Gimsysund kann ich beobachten, wie die Lastwagen mit großem Schwung die Rampe zur Brücke erklimmen. Die Straßen sind unter dem Schnee vereist und glänzen an manchen Stellen verdächtig. Zwischendurch wird die Sicht wieder so schlecht, dass ich die orangen Plastikstangen am Fahrbahnrand zur Orientierung schätzen lerne. Je weiter südlich ich komme umso besser wird aber das Wetter. In Leknes hole ich im REMA noch ein paar Vorräte und stelle mich dann bei strahlendem Sonnenschein an die Straße um ein paar Fotos zu schießen. Als mich der Fahrer eines entgegenkommende Schneepflug sieht, senkt er extra die Räumschaufel und fährt etwas rechts in den Schnee. Lachend und winkend fährt er an mir vorbei.


Meine weitere Fahrt über die E10 wird immer wieder von Fotostopps unterbrochen. Faszinierend sind die ständig wechselnden Lichtverhältnisse. Einmal bedrohlich dunkel, kurz darauf ist alles Pastellfarben, dann wieder Sonnenstrahlen und Schneesturm.
Als Tagesziel habe ich mir den Strand von Flakstad ausgesucht. Die Toiletten dort sind zwar geschlossen, aber ich bin autark. Am Parkplatz ist genügend Platz zum Übernachten und die Aussicht über den Strand auch sehr schön. Irritierend sind die Massen an Fotografen die überall auf Motivsuche sind. Dies war mir schon im Herbst aufgefallen. Außerhalb der Sommersaison ziehen die Lofoten offenbar Fotografen aus aller Welt an. Ständig halten Mietwagen oder Gruppen von Fotografen werden in Kleinbussen herangefahren. Ich schaue mir das ganze vom Bus aus an und habe eigentlich noch keine Lust mich ebenfalls dort einzureihen. Am Nachmittag stapfe ich doch noch zum Strand und mache Fotos. Natürlich setzt jetzt wieder Schneefall ein, der die meisten Fotografen vom Strand vertreibt. Den Abend verbringe ich im Bus und warte aufs Nordlicht. Gegen 22 Uhr höre ich draußen auf einmal laute Rufe und das Klappen von Autotüren, – das Signal für Nordlicht 🙂

Tatsächlich entpuppen sich die hellen Wolken als Nordlichtschleier. Gerade bei bewölktem Himmel lässt sich das Nordlicht schlecht erkennen. Auf den ersten Blick sieht es aus wie eine Wolke, aber bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass Sterne durch die „Wolke“ zu erkennen sind. Dies ist bei echten Wolken nicht der Fall.
Also rein in die dicken Klamotten, zwei paar Handschuhe an und raus ins Freie. Zunächst ein paar Testaufnahmen über den Horizont, denn im Gegensatz zum menschlichen Auge bilden die meisten Digitalkameras das Nordlicht deutlich sichtbar ab. In diesem Urlaub wollte ich versuchen, unsern neuen Bus zusammen mit Nordlicht zu fotografieren. Deshalb bin ich anscheinend auch der einzige Fotograf, der auf dem Parkplatz steht und nicht am Strand. Unten am Strand ist inzwischen ein kleiner Menschenauflauf und immer wieder kommen weitere Autos oder Kleinbusse angefahren um weitere Fotografen an den Strand zu bringen. Wie mein Bild aussehen sollte, wusste ich schon vor meiner Reise und nach einer knappen Stunde fotografieren habe ich es auch endlich auf der Speicherkarte.


Das letze Foto mache ich gegen 1 Uhr in der Nacht, dann ziehen wieder einmal Wolken auf und verdecken das Nordlicht. Durchgefroren klettere ich in den geheizten Bus und sichere die Fotos auf Festplatte. Die erste Übersicht schaut gut aus und so schlafe ich zufrieden ein und träume vom Nordlicht.

Tag 6

Wintertraum

Nach dem Frühstück laufe ich am Strand entlang und suche Fotomotive. Dabei muss ich ab und zu aufpassen nicht im nassen Sand zu versinken. An den Stellen, an denen sich Schnee und Eis mit dem Sand vermischt haben entsteht eine Art Sandpudding. Hier sinken die Füße 10 cm in den Sand ein. Natürlich sind auch heute weitere Fotografen am Strand, aber es ist ja genug Platz für alle da 🙂


Gegen Mittag fahre ich an Ramberg vorbei weiter nach Kvalvik. Zwischen den Bergen geht kaum Wind und die Sonne sorgt für schönes Licht. Das Ende der Straße wird von einem Schneewall bestimmt, dort stelle ich das Auto ab und gehe spazieren.
Ein paar Kilometer fahre zurück ich zu den Brücken bei Fredvang. An einem Abzweig stelle ich den Bus ab und gehe auf Motivsuche. Kurz darauf hält ein Japaner und fotografiert ebenfalls an dieser Stelle. Jetzt passiert das, was mir in Norwegen, und nur in Norwegen, schon so oft passiert ist. An diesem vermeidlich einsamen Abzweig möchte just in diesem Moment ein Einheimischer mit seinem Wagen durch. Murphys Gesetz.

Auf der E10 fahre ich, unterbrochen von mehreren Fotostopps, Richtung Reine. Die neuen Tunnel sorgen für Straßenverhältnisse, wie sie unterschiedlich nicht sein könnten. Ich bin gespannt wie der weitere Straßenausbau aussieht, denn auf Hamøya endet die gut ausgebaute E10 und mündet in eine einspurige Brücke. Von Reine mache ich nur ein paar Fotos vom Parkplatz aus, denn hier komme ich ja zwangsläufig noch einmal vorbei. Also weiter nach Å. Hier treffe ich – mal wieder – bei starkem Schneefall ein. Als der nachgelassen hat, schaue ich zunächst die nahe gelegenen Trockengestelle an. Hier hängen aber nur die Fischköpfe zum trocknen. An dieser Stelle noch ein Tipp, – geht nicht unter die Gestelle, denn jeder noch so kleine Tropfen der einen von oben trifft, sorgt tagelang für einen intensiven Fischgeruch in der näheren Umgebung 🙂
Da mit dem Parkplatz auch die Straße endet, stapfe ich die paar Meter weiter bis ans Meer. Hier sind auch schon einige Fotografen aktiv. Einer von denen macht 360° Fotos, da steht man also immer irgendwie im Weg 😀
Das Licht wird schon weniger und zwischendurch entlädt sich immer wieder eine Schneewolke.

Im Schneetreiben erreiche ich den Parkplatz. Gerade als ich noch ein paar Sachen im Bus umräumen will, kommt ein junges Paar auf mich zu. Sie möchten zunächst wissen, ob der Bus Allradantrieb hat, was ich verneine. Dann rücken Sie mit ihrem Anliegen raus: Ihr BMW hat sich im hart gefrorenen Schnee festgefahren und sie hoffen, dass ich Sie herausziehen kann. Weil ich eigentlich keine Lust habe die Anhängerkupplung zu montieren, versuchen wir zunächst vergeblich den BMW durch schieben wieder in Gang zubringen. Also doch den Haken montieren. Immerhin kann ich jetzt mein Weihnachtsgeschenk testen: Ein Abschleppseil 🙂 Ich erinnere mich noch an die fragenden Gesichter, – „was willst DU denn mit einem Abschleppseil, der Bus ist doch neu..“ 😀
Die beiden haben beinahe 3000 km zurückgelegt und fahren sich am Ende der E10 auf dem Parkplatz fest. Achja, und sie wohnen übrigens nur 40 km von meinem Heimatort entfernt. 🙂 Nach der Abschleppaktion suche ich mir einen Übernachtungsplatz. Als ich den Parkplatz an der Djupfjordbrücke erreiche ist es schon dunkel. Die Bewölkung hat zu genommen und immer wieder schneit es. Also nix mit Nordlicht.

Tag 7

Stockfisch und Nordlicht

Die Nacht auf dem Parkplatz war ruhig. Im Gegensatz zum Sommer verkehrt die Fähre von Bodø im Winter nur zwei mal am Tag. Folglich bleibt der 2-stündliche Stossverkehr aus 🙂 Die freie Sicht aufs Meer beschert mir einen schönen Sonnenaufgang. Während ich ganz langsam meinen Tag starte, ist ein Mitarbeiter von Staten Vegvesen schon bei der Arbeit, denn ein Hinweisschild auf den Aussichtspunkt muss offenbar erneuert werden.


Reine lädt mit schönem Licht zum Besuch ein. Den Bus lasse ich an der Straße stehen und mache mich zu Fuss in den Ort. An der ersten Möglichkeit verlasse ich die Hauptstraße und finde mich am Friedhof wieder, der unter einer dicken Schneedecke verborgen ist. Ein intensiver Fischgeruch liegt in der Luft. Hier wird frischer Fisch zum trocknen auf Holzgestelle gehangen. Im Sommer konnte ich schon einmal die letzten Reste des Stockfisch an einer Fischfabrik sehen. Da der frische Fisch noch auf meiner fotografischen Wunschliste steht, nutze ich die Gelegenheit und fotografiere ausgiebig. Es blieb neben Svolvaer der einzige Ort, in dem um diese Zeit bereits Fisch zum Trocknen aufgegangen war. Die Produktionswege sind kurz. Aus der Fischfabrik werden ständig große Kunststoffbehälter mit Fischkörpern herangefahren. Draußen an den Holzgestellen arbeiten meist Männer aus den Baltikum und Polen, zumindest lässt sich dies aus den zahlreich vorhandenen Autokennzeichen deuten.

Meine vierte Nacht auf den Lofoten möchte ich wieder am Parkplatz von Flakstad verbringen. So habe ich schon einen Teil der Rückfahrt nach Svolvaer gefahren und kann vielleicht noch an den Stränden von Utakleiv oder Unstad vorbeischauen. Natürlich schaffe ich es nicht, meine Fahrt ohne zahlreiche Fotostopps zu absolvieren. Hin und wider ist das ganz witzig, wenn ich irgendwo an der Straße einen Hügel hinauf stapfe. Denn es halten immer wieder Autos mit Fotografen an, die teilweise auch zurückfahren, um zu ergründen was es dort wohl zu fotografieren gibt. Dabei will ich vielleicht nur ein Stück Straße mit Linienbus knipsen 😀 Nicht unbedingt ein Standardmotiv.


Das Standardmotiv aller Fotografen auf den Lofoten ist der Strand von Flakstad. Teilweise wird die Kamera nur für ein einziges Motiv ausgerichtet und eingestellt. Dies kann bis zu einer Stunde dauern! Da komme ich mir mit meinen „Schnellschüssen“ manchmal deplatziert vor 😦
Am Abend tritt gegen 22:30 Uhr wieder das Nordlicht in Erscheinung. Wie immer fängt es mit einem schwachen leuchten an und wird im Laufe der zeit immer Intensiver. Im Herbst 2013 konnte ich Nordlicht an einsamen Ecken beobachten. Dabei gingen auch einige Meteoriten nieder. Die Stimmung hatte etwas sehr Magisches und ich blickte ehrfürchtig in den Himmel. Klingt kitschig, war aber so. Heute wird die Himmelserscheinung vom Gegröhle zahlreicher Beobachter begleitet. Manche sitzen bei laufendem Motor im Auto und blenden mit zwangseingeschaltetem Tagfahrlicht die anwesenden Fotografen. Also nichts mit Magie des Nordlichts.

Das was am Himmel passiert steigert sich immer weiter und wird recht spektakulär. Die grünen Schleier sind am Himmel sehr deutlich zu sehen und hüllen manchmal die ganze Landschaft in ein leuchtendes grün. Einmal fallen grüne Streifen wie Wasserfälle nach unten, ein anders mal bildet sich im grünen Licht ein schwarzes Kreuz. Es ist fantastisch! Gegen Mitternacht wird das ganze zur 360° Show, denn am ganzen Himmel sind die grünen Lichter zu sehen. Irgendwann stelle ich mich zu den anderen Fotografen am Strand und bekomme, zusammen mit dem orangen Lichtschein von Leknes, auch noch eine Spiegelung am Strand hin. Das letzte Foto mache ich um 2 Uhr.


Die Nordlichtfotos sind manchmal schwer erarbeitet. Aufstehen vor Sonnenaufgang, den ganzen Tag mit schwerem Fotorucksack auf dem Rücken unterwegs und das letzte Foto Nachts um zwei Uhr. Danach kommt noch das sichern der Bilder. Viel länger als die geplanten fünf Tage würde ich das nur schwer aushalten. Ich fange an, mich auf die Rückfahrt mit dem Postschiff zu freuen. Das sind dann zwei entspannte Nächte auf dem Schiff 🙂

Tag 8

Lofoten Ostküste

Nach der zweiten Nacht mit phänomenalem Nordlicht und meinen vielen Schneefotos könnte ich eigentlich schon Nachhause fahren. Alles was ich für die Reise erhofft hatte ist eingetreten und die drei Tage auf den Lofoten mit den vielen Eindrücken beinahe rund um die Uhr kommen mir vor wie eine ganze Woche 😀
Auf dem Weg nach Svolvaer schaue ich mir noch die Gegend um Utakleiv an.


Danach erwarte ich in Stamsund die Ankunft des Postschiffes. Es ist die MS Nordnorde auf dem Weg noch Norden. Heute soll für mich laut Wettervorhersage die letzte Chance auf Nordlicht sein. Deshalb suche ich bei Valberg ein geeignetes Motiv. Den Bus stelle ich an einem einsamen Schiffsanleger ab. Kurz darauf kommt ein Auto angefahren, wahrscheinlich um zu sehen, was ich hier mache.
Nachdem das Auto wieder weg gefahren ist, gehe ich den stockfinsteren Weg zurück. Als zwei kleine Wolken vor das grün schimmernde Nordlicht ziehen, sieht es so aus, als würden mich dunkle Augen anschauen, dazu das knarzen und gluckern vom Schiffsanleger – ziemlich gespenstig.
Schön wäre der Nordlichtbogen über der Kirche gewesen, aber das Gotteshaus ist so hell angestrahlt, dass ich kein geeignetes Foto hinbekomme. Vielleicht muss ich mal eine aufwändigere Bearbeitung versuchen, denn Nordlicht und Kirche konnte ich fotografieren, allerdings auf zwei verschiedenen Fotos 🙂

Mit nur geringen Erfolg suche ich entlang der Straße 815 noch Motive. Die letzten Aufnahmen mache ich dann am Gimsøysund, wo ich auch meine letzte Nacht auf den Lofoten verbringe.

Tag 9

Svolvaer

Heute muss ich packen. Für die zwei Tage auf dem Postschiff brauche ich nicht nur mein Foto- und IT Equipment, sondern auch ein paar Klamotten und etwas zum Essen. Draußen regnet es jetzt ab und zu, was natürlich sofort für eine triste Stimmung sorgt. Auf den Hauptstraßen ist das Eis komplett verschwunden. Dazu sind in der vorletzten Nacht kleine Kolonnen von Schneepflügen über die E10 gebraust und haben unter einer unglaublichen Geräuschkulisse das Eis von der Straße gekratzt. Jetzt kommt auch wieder der bisher in geringen Mengen gestreute Splitt ins Spiel. Der bildet zusammen mit dem Regenwasser einen grauen Schlamm auf der Fahrbahn, der in alle Ritzen der Fahrzeuge eindringt. (Auch fünf Wochen nach der Reise, mehreren Autowäschen und einer langen Regenfahrt von Italien nach Deutschland läuft der graue Dreck immer noch aus allen Ritzen vom Bus). Dafür sind alle Nebenstraßen spiegelglatt. Zufrieden stelle ich fest, dass ich bislang großes Glück mit dem Wetter hatte, denn jetzt ist alles grau in grau.


In Svolvaer fahre ich rüber zu den Trockengestellen. Diese hatte ich ja schon bei der Einfahrt mit dem Postschiff gesehen. Natürlich stehen auch hier bereits Kleinbusse mit Fotografengruppen. Wo sich im Sommer die Spatzen tummeln, hängen jetzt die Fischkörper. Der Trocknungsprozess ist schon fortgeschritten und man kann deutlich sehen, das sich die Schuppen von der Haut lösen.

Am Nachmittag stelle ich mich auf einen Parkplatz außerhalb von Svolvaer und räume den Bus auf. Danach gehts zur Tankstelle. Der Verbrauch auf die 380 gefahrenen Kilometer ist sehr hoch. Allerdings hat die Standheizung auch 20 Liter Diesel verbrannt.
Den Bus stelle ich schonmal auf dem Parkplatz am Hurtigrutenkai ab, dann tippele ich durch den Ort. Ohne Spikes unter den Schuhen geht zu Fuss gar nichts, der Regen am Tage hat überall große Eisflächen erzeugt. Jetzt am Abend schneit es wieder etwas. Im Hafen liegen viele Fischerboote, die im faden Licht schöne Fotomotive liefern.

Erst jetzt erkenne ich, dass der Stockfisch in den Trockengestellen eine Protestbotschaft enthält: NO OIL. Offenbar lehnen Teile der Bevölkerung die geplanten Ölbohrungen vor den Lofoten und Vesteralen ab.
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Gerade als ich die von Scheinwerfern angestrahlten Trockengestelle fotografiere, fährt mir das Postschiff ins Bild.

Nachdem der Werftaufenthalt der MS Polarlys ungeplant verlängert werden musste, werde ich meine Heimreise wieder mit der MS Finnmarken antreten. Ich befürchte, dass die damals in Bodø zugestiegen englische Reisegruppe immer noch an Bord ist und ich vielleicht eine schlechtere Kabine beziehen muss. Aber nach dem Anlegen des Schiffes in Svolvaer gehen die Briten von Bord, es sind wohl doch mehr als 200 Leute gewesen. Meine Anmeldung geht sehr schnell über die Bühne, die Kabine Nr. 627 befindet weit genug von der Laderampe und mein Bus kann sofort ins Schiff.

Nach der Ausfahrt aus Svolvaer mache ich noch einen kurzen Rundgang an Deck. Beim Anblick des dampfenden Schwimmbades muss ich schmunzeln. In den Kabinen wird daran erinnert, aus Energiespargründen nicht unnötig das Licht anzulassen und das Laptop auszuschalten. Aber wahrscheinlich wird das Schwimmbad von der Abwärme der Schiffsmotoren geheizt.

Keine viertel Stunde nachdem wir in Svolvaer abgelegt haben, begegnen wir dem nordfahrenden Postschiff. Für mich sind das die letzten Fotos des Tages, denn jetzt werde ich erstmal ausgiebig duschen.

Tag 10

Seetag

In der Nacht wache ich zwei mal durch den heftigen Seegang auf, vielleicht liegt es aber auch am unbequemen Bett. Jedenfalls stehe ich gegen 6:30 Uhr mit Kopfschmerzen auf. Eine halbe Stunde später widme ich mich ausgiebig dem Frühstücksbuffet. Es gibt wieder kein Rührei, dafür sind mehrere Schüsseln mit grauem Haferbrei im Angebot (sieht aus wie Erbrochenes und angesichts des Seegangs der letzten Nacht nicht meine Wahl). Ich bin fast froh, dass das Wetter nicht so dolle ist und lasse mir eine ganze Stunde Zeit zum frühstücken. Danach beziehe ich einen Premiumplatz im Panoramasalon. Ich muss erst mehrmals Probesitzen, denn die Sessel sind sehr verschlissen und viele auch unbequem.


Hier oben im Panoramasalon spürt man deutlich, wie starker Seitenwind gegen das Schiff drückt. In den Fenstern der linken Seite ist nur ein schmaler Streifen Meer zu sehen, rechts ist kein Himmel zu sehen. Sechs entspannte Stunden Seefahrt verbringe ich hier oben mit Tee und etwas Obst, und sichte dabei schon einmal die ersten Bilder meiner Reise. Es wird zwar auf Schildern darauf hingewiesen, das die Sitzplätze am Fenster nicht reserviert werden dürfen, trotzdem legen die Reisenden vor dem Frühstück auf den meisten Sesseln ihre Jacken, Taschen oder einfach nur Prospekte ab.

Am Nachmittag verlassen wir Bryønneysund und können einen Blick auf den Berg Torghattan werfen. Seine Besonderheit ist ein Loch im Berg. Wir fahren also Richtung Berg und am Bug des Schiffes sammeln sich Fotografen und Interessierte. Der Berg kommt näher, noch nichts zu sehen. Wir fahren dran vorbei, nichts zu sehen. Enttäuschung macht sich breit. Aber der Kapitän hat Erbarmen und lässt das Schiff quasi einen Haken schlagen. So können wir den Berg von der Rückseite in Augenschein nehmen und tatsächlich das Loch in ihm erblicken.


Am Abend treffen wir in Rørvik wieder auf ein anderes Postschiff. Es ist die MS Lofoten, das älteste Schiff der aktiven Flotte. Am Ausgang auf Deck 4 warten schon viele Reisende daraufhin unser Schiff zu verlassen. Sie wollen alle die MS Lofoten besichtigen. Kaum hat sich die letzte Rampe der Gangways auf den Boden gesenkt, stürmen unsere Passagiere das andere Schiff. Umgekehrt scheint es keine Passagierbewegungen zu geben.
Um nicht zu einem Teil der Schiffsinvasion zu werden, schaue ich mir die alte Lady nur vom Kai aus an. Die Schiffswände zeigen viele Dellen und Schrammen, die wohl dem täglichen Anlegen ohne Bugstrahlruder geschuldet sind. Denn hier wird vor dem Anlegen noch der Anker ausgeworfen und das Schiff mit Leinen an den Kai gezogen. Im faden Licht der Hafenbeleuchtung erinnert mich die MS Lofoten mit ihren sichtbaren Schrammen und dem schwarzen Gummiabrieb auf den weißen Flächen irgendwie an einen alten Wal, dessen vernarbter Haut man die viele Jahre auf den Weltmeeren ansieht.

Beim Ausfahren wird das sonoren Blubbern des Schiffsdiesel von einem dumpfen metallischen Klackern begleitet. Was von einigen Passagieren als ungesundes Motorengeräusch interpretiert wird, ist allerdings das einholen der Ankerkette.

Tag 11

Von Trondheim nach Oslo

In der Nacht war der Seegang wieder deutlich zu spüren. Seit 6 Uhr liegen wir am Kai in Trondheim. Hinter uns hat die nordfahrende Midnatsol festgemacht. Bevor ich zum Frühstück gehe, schaue ich mal über die Reling, ob sich am Autodeck schon etwas tut. Was sehe ich? Der rote Bus fährt aus dem Fahrstuhl und parkt vor dem Schiff. Nein, kein autonomes Fahrsystem sondern einer der Mitarbeiter vom Laderaum hat ihn dort abgestellt. Der Fahrzeugschlüssel gibt er anschließend bei der Rezeption ab. Toller Service, denn ich kann jetzt ohne Eile das Frühstücksbuffet genießen.


Anscheinend gab es heute schon ab 6 Uhr Frühstück, denn das Restaurant ist bereits gut belegt. Weil der Bus schon am Kai steht, kann ich mein Gepäck einzeln runter bringen.

Dann höre ich ein letztes Mal von der elektronischen Stimme das dumpfe “ Good by“ und verlasse über die Gangway das Schiff. Irgendwie fällt es mir schwer mich vom Schiff zu trennen, deshalb schleiche ich noch eine Weile am Kai entlang und mache Fotos von den beiden Postschiffen. Zum Abschluss suche ich mir auf dem gegenüberliegenden Speditionsgelände einen Platz und kann so das erste Foto vom ganzen Schiff machen.

Jetzt heißt es wieder Kilometer schrubben. Auf der E6 fahre ich zügig Richtung Süden, denn am Abend wartet das vierte und letzte Schiff in Oslo auf mich. Am Abzweig zur Straße 3 überlege ich einen Moment vielleicht doch über das Dovrefjell zu fahren. Die Schneebedeckten Berge am Horizont schauen schon verlockend aus, aber für den Nachmittag ist im Süden Schneefall angesagt. Also biege ich doch ab auf die 3.
In Kvikne halte ich an der Holzkirche an. Offenbar wird gerade eine Beisetzung vorbereitet, denn eine norwegische Flagge wird auf Halbmast gesetzt und jemand klopft das Eis vom Weg zur Kirche ab. Weil ich mit meiner Kamera nicht zu aufdringlich erscheinen möchte, verlasse ich vorzeitig den Ort und setze meine Fahrt fort.


Mittlerweile hat es tatsächlich angefangen zu schneien. Am Rastplatz mit dem großen Elch lege ich eine Pause ein. Unterwegs begegnen mir jetzt wieder Schneepflüge und die Straßen werden rutschiger. Als ich auf die zur Autobahn ausgebaute E6 fahre, ist die rechte Fahrbahn von mindestens 10 cm Neuschnee bedeckt und es fahren alle in einer Kolonne. Leider werden die Fahrzeuge immer langsamer und wir schleichen mit 45 km/h über die Autobahn. Als wir die ersten Tunnel der Strecke durchfahren ändert sich die Fahrweise. Viele Autos scheren Links aus und überholen im Tunnel, um dann vor dem Tunnelende mit Vollbremsungen wieder in die rechtsfahrende Kolonne einzuscheren. So geht das jetzt bei jedem Tunnel.

Ich bin froh, nicht den längeren Weg über das Dovrefjell genommen zu haben, denn in Oslo schneit es jetzt so heftig, dass der Verkehr zum Erliegen kommt. Ich nutze die Zeit für einen letzten Tankstopp und schleiche dann in Schrittgeschwindigkeit bis zum Stena Line Terminal. Hier bin ich etwas überrascht, denn es ist noch kein Schiff zu sehen.


Meine letzte Fährüberfahrt von Oslo nach Frederikshavn hatte ich erst vor vier Tagen gebucht und musste dabei feststellen, dass die günstigen Außenkabinen plötzlich alle ausgebucht waren. Etwas zwiespältig habe ich dann eine Innenkabine als „preisgünstige Alternative im Unterdeck“ gewählt. 🙄
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Die Stena Saga lässt sich schließlich doch noch blicken und legt um 19:20 Uhr an der Kaimauer an. Da ich als einer der ersten am Check-Inn war, kann ich mir jetzt aus der ersten Reihe das Entladen der Fähre anschauen. Es dauert nur eine halbe Stunde, dann kann ich an Bord fahren. Ungewöhnlich finde ich, dass der Bus mit Keilen vor den Rädern gesichert wird. Naja, die werden schon wissen warum. Meine Kabine befindet sich unterhalb der Fahrzeugdecks und ist über eine lange steile Treppe zu erreichen. Die Ausstattung ist – , sagen wir mal -, rustikal. Die Eingangstüre ist stark verzogen, weshalb ich auch bei geschlossener Tür auf den Gang schauen kann. Starke Kalk- und Rostspuren in der Dusche können meinen Eindruck von der Kabine nicht verbessern. Naja, es ist ja die letzte Nacht, die bekomme ich schon rum.
Vielleicht sollte ich möglichst lange oben auf dem Schiff verbringen. Einen direkten Aufgang gibt es nicht, dass heißt ich muss die Treppenaufgänge auf dem Weg nach oben wechseln. Ganze neun Decks sind zu erklimmen, bevor es einen Weg nach draußen gibt. Während ich die verschiedenen Stockwerke zu Fuss hinter mir lasse, wird mir auch klar, warum die Außenkabinen nicht mehr verfügbar waren. Überall wimmelt es von Partygängern, die sich auf ihre Partynacht an Bord vorbereiten. Draußen ist es ruhiger, weil kälter 🙂 Beim Ablegen in Oslo kann ich noch einige wenige Fotos machen, dann verziehe ich mich in meine Kabine und versuche zu schlafen.

Tag 12

Heimreise

Die Ankunft in Hirtshals ist für 7:30 Uhr geplant, aber vorher gibt es das Frühstücksbuffet. Diese Nacht war übrigens die beste aller Schiffsübernachtungen der Reise. Die Kabine war ruhig, kein spürbarer Seegang und die Koje die bequemste von allen. Das stimmt mich, trotz des schlechten Zustands der Kabine, etwas versöhnlich. Auf dem Weg zum Frühstück begegnen mir die letzten Nachtschwärmer mit Bier oder Sekt in der Hand. Dafür ist es am Buffet erstaunlich leer. Wahrscheinlich schlafen die alle noch ihren Rausch aus 🙂
Obwohl der Hafen schon seit einer Stunde zu sehen ist, legen wir pünktlich um 7:30 Uhr in Frederikshavn an. Für mich geht es jetzt direkt auf die Piste und acht Stunden später bin ich wieder Zuhause.

Das war also meine spontane Winterreise auf die Lofoten.

Zum Schluß noch etwas Statistik:

6 Übernachtungen im Bus
5 Übernachtungen auf Schiffen
2860 Kilometer mit dem Bus
2140 Kilometer mit Schiffen
248 Liter Diesel davon ca. 20 Liter für Standheizung
5.000 Fotos

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