LOFOTEN 2019 – Vom Orkan getrieben /04

In der Nacht werde ich kurz nach zwei Uhr plötzlich munter, weil der Bus heftig durchgeschüttelt wird. Haha, auf die Wetter App ist verlass, denn jetzt geht der Sturm los. Nach einer knappen Stunde bin ich schon wieder munter, weil irgendwelche Idioten anscheinend den Bus umkippen wollen. Du meine Güte, das ist jetzt wirklich ein Orkan. Eisbrocken schlagen mit einem Höllenlärm an den Bus, der vom Wind hin und her geschüttelt wird. Der Schnee ist auch schon wieder geschmolzen.

Weil ich das Gefühl habe, dass der Sturm immer stärker wird, beschließe ich, den Parkplatz zu verlassen um eine geschütztere Stelle zu suchen.

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Die Fahrt auf der E10 wird ein kleiner Höllenritt. Schnee und Regen behindern die Sicht, dazu fallen Äste auf die Fahrbahn. Plötzlich ist vor mir ein gleisend heller Blitz, der überhaupt nicht dunkler wird. Kurz darauf an anderen Stellen die gleichen Blitze. Es sind Stromleitungen, die sich im Sturm berühren und starke Funkenschläge verursachen.

Unten am Fjord ist es kein Stück besser. Eigentlich hatte ich gehofft, dass die Berge den Wind etwas bremsen. Jetzt dämmert es mir, dass ich heute Nacht einen kleinen Orientierungsfehler hatte. So schnell wie möglich folge ich der Straße am Fjord. Am anderen Ufer kann ich Blinklichter sehen, das ist bestimmt der Schneepflug, – hoffentlich. Aber nach wenigen Kilometern ist klar, das war kein Schneepflug, sondern ein Auto von Vegvesen, das die östliche Brückenauffahrt über den Tjeldsund absperrt. Tja, und ich stehe jetzt als fünftes Fahrzeug vor der westlichen Auffahrt. Mist, wäre ich in der Nacht noch eine Stunde weiter gefahren, könnte ich jetzt drüben schlafen.

Ein Blick auf vegvesen.no bestätigt die Brückensperrung, leider ohne Angabe der Dauer. Die Wetter App sagt, dass ab 12 Uhr der Wind nachlässt, also sind mindestens 6 Stunden Wartezeit angesagt. Die verbringe ich aber nicht in der Fahrzeugschlange, sondern auf einem vereisten Parkplatz mit Blick auf die Brücke.

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Die Standheizung hält den Bus schön warm, das Frühstück mit Ei ist schon lange verputzt und der dritte Kaffee gekocht. Eigentlich könnte ich ja mal rausgehen und mit dem Teleobjektiv Fotos machen. Gesagt getan. Auf dem vereisten Parkplatz steht das Wasser und der Wind ist kräftiger als erwartet. Schwups, erfasst mich der Wind und schiebt mich stehend über das Eis. Die ersten Sekunden denke ich „Haha, das ist ja wie auf der Eisbahn“ und finde das lustig. Gleich darauf bin ich schon so schnell, dass ich versuche, mit ein zwei Schritten die Richtung zu beeinflussen um zu stoppen. Im gleichen Moment rutschen mir die Füße weg, ich stürze lang auf das Eis und werde vom Wind weiter geschoben. Mist, Mist, Mist, wie blöd von mir. Ich ärgere mich sofort über meinen Leichtsinn. Der Kamera ist zwar nichts passiert, aber die Hose ist kaputt, mein Schienbein und das linke Knie bluten, ich bin mit Dreck verschmiert und nass bis auf die Unterwäsche. Hier hätte um ein Haar meine Reise zu Ende sein können.

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Webcam Statens Vegvesen

Um zehn vor zwölf erkenne ich die ersten Autos auf der Brücke, jetzt muss ich schnell los. Gerade als ich vor dem Sicherungsfahrzeug ankomme, sperrt der Typ im Auto wieder die Brücke! Aber nur um den Gegenverkehr durchzulassen, denn die Brücke wird zunächst nur einspurig befahren.

Endlich kann auch ich fahren und es geht los mit dem Kilometerfressen. Das Wetter wird also die nächsten Tage weiterhin regnerisch und zu warm sein, und das hoch bis über Tromsö. Deshalb lautet mein neues Reiseziel NORDKAPP. Im Sommer sicher kein Wunschziel, aber im Winter ist es ja etwas anders. Ach ja, momentan sind viele Straßen in der Finnmark gesperrt, aber bis ich da bin, haben die Jungs und Mädels auf den Schneepflügen die Straßen bestimmt frei geräumt. Außerdem könnte ich mir sogar 2-3 Tage Wartezeit erlauben.

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Einen Teil der Route kenne ich noch von meiner Sommertour nach Tromsö, dachte ich zumindest. Aber bei diesen Straßenverhältnissen lege ich einen großen Teil der Strecke im Blindflug zurück. Für die erste Fjellüberquerung hänge ich mich an einen Lastwagen, der ein gutes Tempo vorlegt. Dank seiner Nebelschlussleuchte verliere ich ihn auch im dichten Schneetreiben nicht aus den Augen. Je weiter ich nach Norden komme, umso mehr Schnee liegt auf den Straßen.

 

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